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Die Gastfreundschaft des Herzens « Ephata: sich dem Mysterium des Anderen öffnen »

Aufgrund des Referates habe ich mir Gedanken gemacht, was meine individuelle Berufung betrifft und bin auch zu Fragen gekommen, was die gemeinsame Berufung in Bezug auf die Beziehung zum Anderen und zum ganz Anderen auf sich hat.

Als ich 1994 zum ersten Mal mit der Volksgruppe der Roma im Burgenland in Kontakt kam, war ich verwundert über meine geringe Kenntnis einer Gruppe von Menschen, die schon seit Jahrhunderten im Burgenland lebt und die dermaßen viel Leid im Laufe ihrer Geschichte erlebt hat. Ich war offen und ließ mich auf Beziehungen und Freundschaften ein und erfuhr immer mehr über ihre Lebenssituation, ihre Probleme, Sorgen, aber auch über ihre Freuden.  Die Offenheit mir gegenüber, obwohl sie mich kaum kannten, überraschte und beschämte mich. Ich erlebte sehr viel Gastfreundschaft und fühlte mich an-  und aufgenommen. Die Zusammenarbeit mit der Volksgruppe wurde von meiner Umkreis nicht ganz positiv gesehen. Vom Großteil meiner Umgebung wurde ich eher mit den „bekannten“ Vorurteilen konfrontiert.

Im Laufe der Jahre hatte ich viele Begegnungen, und ich habe - wie in der Mehrheitsbevölkerung - Menschen getroffen, die zu guten Freunden wurden und denen ich sehr vertraue, die mir wichtig in meinem Leben wurden, von denen ich reich beschenkt wurde – einfach durch ihr Dasein und durch die Begegnung mit ihnen. Ich traf auch – wie in der Mehrheitsbevölkerung - auf Menschen, von denen ich enttäuscht wurde, die meine Offenheit und mein Vertrauen missbraucht haben. Und ich traf Menschen, mit denen ich gut zusammenarbeite, mich auch manchmal zusammenstreite, die mich an meine Grenzen bringen, mich fordern und mich zwingen mich immer wieder neu zu öffnen.

„Öffne dich!“  heißt für mich, immer wieder von neuem hinzuschauen, wo viele wegsehen; nach dem Willen Gottes zu fragen und die Menschen, die betroffen sind, vom Rand in die Mitte zu holen. Sie zur Sprache kommen zu lassen und nicht nur über und für sie zu reden. Ich sehe einen Teil meiner Aufgabe darin, Personen aus der Volksgruppe zu begleiten, ihnen Vertrauen zu geben, ihnen Mut zu machen, sie zu stützen und immer wieder aufzubauen und ihnen Möglichkeiten zu geben für sich selbst zu sprechen. So können auch sie den Aufruf „Öffne dich!“ wahrnehmen, um über bzw. durch ihre fremd- und selbst-gemachten Mauern und Grenzen zu gehen. - „Öffne dich!“ funktioniert meiner Meinung nach nur im gemeinsamen Ringen. Immer wieder komme ich in Situationen und zu Begegnungen, denen ich unsicher gegenüberstehe. Oft fehlen auch mir Geduld und Verständnis!

Ich möchte von einer Begegnung erzählen: Ein Mann der im Gefängnis saß bat mich nachzusehen, wie es seiner Freundin ging – die Adresse, die er angab, war in einem bekannten Rotlicht-Milieu-Viertel in Wien. Ich fuhr mit Begleitung – alleine traute ich mich nicht ganz – zu der genannten Adresse. Dort traf ich auf eine Gruppe von zwei Frauen und einem Mann – alkoholisiert oder voller Drogen, die Kleidung schmutzig und zerrissen. Eine der Frauen gab an, dass sie die gesuchte Person sei. Als ich ihr den Grund meines Kommens nannte, wollte der Mann handgreiflich werden. Als ich dann sagte, ich sei von der Kirche – schickte sie beide weg, um mit mir alleine ein Gespräch zu führen. Wir hatten ein sehr offenes Gespräch, und schließlich hatte die Frau noch eine Bitte: ob sie mir einen Kuss auf die Wange geben darf. – Diese Begegnung hat mich tief geprägt. Die Frau, die ich ihrem Aussehen nach eher auf Distanz halten wollte, berührte mich durch ihre Offenheit und zeigte mir, wie wertvoll dieses Gespräch für sie war.

Nicht nur diese eine Begegnung belehrte mich, sondern viele weitere. Menschen, die sich in der Gesellschaft, aus Mangel an Bildung oder durch ihre soziale Stellung, resigniert zurückziehen und nicht mehr gehört werden, haben mich oft durch ihre Großzügigkeit und ihr Gespräch belehrt.

Die Würde jeder menschlichen Person – trotz ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Grenzen – dürfen wir nicht übersehen. Ich stelle mir immer wieder die Frage und möchte sie auch hier stellen: Zählt nicht auch zur Würde des Menschen, dass er für sich selbst sprechen darf und dass er das Recht hat, auch gehört zu werden, unabhängig von seiner sozialen Stellung und seiner Ausbildung? (z.B. die Flüchtlinge, die zurzeit in der Votivkirche/Wien Hungerstreik halten)

Zum Glück gibt es immer wieder Menschen, die mich anrufen und oft auch lästig sind, die mich wegholen vom Schreibtisch und Computer, gerade wenn es mir nicht in den Kram passt. Sie holen mich raus und lassen mich nicht vergessen, hinzusehen, wo die Menschen mit ihren Problemen und Sorgen stehen. In der momentanen Situation unserer Kirche erlebe ich es jedoch eher umgekehrt. Anstatt, dass den MitarbeiterInnen Vertrauen zugesprochen würde und sie gestärkt würden im Dienst an und mit den Menschen, wird Misstrauen gesät, werden Arbeitszeitaufzeichnungen und etliche Dokumentationen verlangt. Anstatt uns als Kirche zu öffnen, werden verstärkt Richtlinien festgesetzt und Strukturen betont.

Ich sehe die Begegnung Jesu mit der Syrophönizierin, durch die er sich hat belehren lassen, als Aufruf an uns als Kirche - dass wir Türen öffnen, geschichtlich gemauerte Grenzen überschreiten sollen. Mit Sicherheit werden wir dadurch reich beschenkt werden! Ich wünsche uns allen viel Mut und Kraft dazu!
Monika Scheweck